Ein Weihnachtsmärchen über den Christbaum (Teil 3 von 3)

Kerze und Christbaumkugeln
Foto: Thomas Laufersweiler

Weihnachten 2014 habe ich eine besondere Kurzgeschichte für Euch: Das Märchen vom glänzenden Weichnachtsbaum. Das Weihnachtsmärchen wird in drei Teilen auf dem Blog veröffentlicht, dies ist der dritte und letzte Teil. Wenn Du die Geschichte von Anfang an lesen möchtest, klicke bitte hier.

Teil 3: Das Märchen vom glänzenden Weihnachtsbaum

Teil 3Und als es am späten Abend ganz still war im Wald, da sangen der Vater und die Tochter gemeinsam das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Und vor lauter Singen und Freude hörten sie nicht, wie der Prinz mit seinen Soldaten den Waldweg entlang kam. Als der Prinz das Lied hörte und den schön geschmückten Baum sah, ließ er Halt machen bei dem armseligen Unterschlupf des Zimmermanns und seiner Tochter.
„Sprich, Mann“, befahl er, „was macht ihr hier im Wald des Königs? Wisst ihr denn nicht, dass der Wald und alle Tiere und alles Holz im Wald dem Herrscher gehören? Ihr habt hier nichts verloren.“
„Edler Herr“, antwortete der Vater, „gewiss wissen wir, auf wessen Grund wir leben. Einst war ich Zimmermann in der Stadt, doch die Not im Land sorgte dafür, dass wir unser warmes Haus verkaufen mussten. Nun haben wir nichts mehr, noch nicht einmal ein richtiges Dach über dem Kopf in dieser Heiligen Nacht. So gingen wir in den Wald, weil es keinen anderen Ort auf dieser Welt für uns gibt.“
„Und doch ist der Wald kein Ort für Euch, sondern für den Adel. Aber da mein Vater ein guter und weiser Mann ist, so dürft Ihr für die Weihnachtstage im Wald bleiben. Aber danach müsst Ihr weiterziehen und Euer Glück woanders suchen.“
„Ich werde mich fügen, Herr“, antwortete der Zimmermann. „Wir werden im Lichte unserer Kerzenstumpen noch das Weihnachtsfest feiern und uns an unserem bescheidenen Unterschlupf freuen. Danach vertrauen ich und meine liebe Tochter unser Schicksal der Straße an.“
„Sprich, liebes Kind“, befahl der Prinz. „Hast Du den Baume dort so schön geschmückt? Er ist so hübsch und glänzend, dass man ihn in einem Schloss vermuten würde und nicht an einem solchen Ort der Not.“
„Ja, edler Herr“, antwortete die Tochter. „Die Sterne habe ich gemacht, sie sind aus einigen Fäden aus meinem roten Leibchen und dem Stroh, auf dem wir schlafen. Die Holzfiguren fertigte mein Vater mit Fäden aus seinem Rock. Die glänzenden Kugeln und die Kerzen waren das Geschenk eines guten und weichherzigen Mannes, der unsere Not ein wenig lindern wollte.“
„Nun, so will auch ich ein weiches Herz haben. Ich schlage Euch einen Handel vor: Ich kaufe die Kugeln und den hübschen Stroh- und Spanschmuck, dafür bekommt Ihr das Stück Wald, auf dem Ihr lebt. So habt Ihr in Eurer Not wenigstens einen Platz, an dem Ihr bleiben könnt.“
„So lasst uns den Handel abschließen, edler Herr. Und habt Dank für Eure Güte, denn wenige haben das Privileg, auf Königs Grund leben zu dürfen.“

Die Sterne leuchteten in dieser Christnacht auf den einfachen Unterschlupf, in dem der Vater und seine Tochter schliefen. Und auch wenn sie wenig hatten, so waren sie glücklich. Denn manchmal ist das Glück ganz einfach und ein Platz, an dem man bleiben darf, ist ein großes Geschenk. Der Vater träumte davon, wie er in seinem Wald mit seinen Bäumen ein richtiges kleines Haus für sich und seine Tochter baute. Und die Tochter träumte davon, wie im Schloss der Prinz und seine Schwestern um den glänzenden Baum mit den Glaskugeln tanzten. Sie trugen wunderschöne Kleider und all ihr Reichtum spiegelte sich in den gläsernen Kugeln.

Auch am Christtag gab es nur eine dünne Suppe aus Tannennadeln zum Frühstück. Aber Vater und Tochter waren froh im Herzen, denn sie beide hatten wundervoll geträumt. Da kam der Prinz erneut zu dem armseligen Unterschlupf, doch dieses Mal brachte er keine Soldaten mit, sondern seine drei Schwestern. Die älteste Schwester sprach:
„Sprich, Zimmermann: Woher habt Ihr die wundervoll glänzenden Kugeln? Gerne hätte ich mehr davon, um sie meiner Cousine am Hofe Frankreichs zum Christfeste zu schenken.“
„Edle Herrin“, antwortete der Zimmermann, „die Kugel fertigte der Glasbläser aus dem Städtchen nicht weit von hier. Sicherlich könnt Ihr bei ihm noch weitere Kugel kaufen.“ Und so hatte der Glasbläser trotz aller Not im Land Arbeit.
Dann sprach die mittlere Schwester:
„Sprich, liebes Kind: Woher habt Ihr die schönen Strohsterne? Gerne hätte ich mehr davon, um sie meiner Cousine am Hofe Englands zum Christfeste zu schenken.“
„Edle Herrin“, antwortete die Tochter. „Ich fertigte die Sterne aus den Fäden meines Leibchens und dem Stroh, auf dem wir schlafen. Gerne kann ich für Euch noch mehr davon machen.“ Und so hatte die Tochter trotz aller Not im Land Arbeit.
Dann sprach die jüngste Schwester: „Sprich nochmals, Zimmermann: Woher habt Ihr die kunstvollen Spanfiguren? Gerne hätte ich mehr davon, um sie meiner Cousine am Hofe des Zaren zum Christfeste zu schenken.“
„Liebe Herrin“, antwortete der Zimmermann, „gerne fertige ich Euch so viele Figuren, wie Ihr nur möchtet. Die Not im Land ist groß und Arbeit, um sein Brot zu verdienen, ist für uns ein ebenso schönes Geschenk, wie Ihr es Eurer Cousine im fernen Russland machen werdet.“

Und so hatte auch der Zimmermann trotz aller Not im Land Arbeit, Brot und ein einfaches Dach über dem Kopf. Denn die Prinzessinnen kamen jedes Jahr wieder zu ihm und seiner Tochter, um die Schlösser ihrer adligen Verwandten mit Strohsternen und Figuren aus Holzspänen zu schmücken. Und die Tochter des Zimmermanns dachte jedes Jahr erneut daran, dass sie mit dem Vater ihren ersten Heiligen Abend im Wald wie eine Prinzessin gefeiert hatte: Mit einem glänzenden Baum voller unnützer Glaskugeln, in denen sich ihr ganzer Besitz gespiegelt hatte.

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